
Drei junge Frauen aus Brasilien und Bolivien beenden ihren Freiwilligendienst in Heiligenstadt – die Ordensgemeinschaft hatte sie eingeladen
Die Bolivianerin María Grace Soto Acre musste in Deutschland Pünktlichkeit lernen: „Das ist mir wirklich nicht leichtgefallen. Denn morgens schlafe ich gerne etwas länger“, lacht sie. Und sie hat die deutsche Sprache gelernt. Schon nach wenigen Wochen brauchte sie sich nicht mehr mit der Übersetzungs- App verständigen. Am meisten gelernt hat sie aber über sich selbst. „Vielleicht bin ich noch eher als Kind hier angekommen. Und wahrscheinlich komme ich eher als Erwachsene zurück“, sagt die 20-Jährige.

Zusammen mit Scarleth Limon Moscóso, ebenfalls aus Bolivien, und Leticia Thais Fernandes aus Brasilien verbrachte sie im Rahmen eines Internationalen Freiwilligendienstes ein Jahr als „Mitlebende auf Zeit“ in Heilbad Heiligenstadt – eingeladen von den Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel. Am Montagabend ging dieses Jahr zu Ende: mit einer Abschlussfeier im Placidasaal des Bergklosters.
Zahlreiche Gäste aus den Einrichtungen

Dabei war der Raum gut gefüllt. Nicht nur zahlreiche Schwestern aus dem Bergkloster waren anwesend – auch die Schwestern aus dem Haus am Weg und die Patres aus der Villa Lampe, wo die Freiwilligen gewohnt haben, Deutschlehrerin Marie-Luise Nübold sowie die Leitungen, Anleiter/innen und wichtige Bezugspersonen aus den Einrichtungen, in denen sie arbeiten durften: María Grace war in den Eichsfelder Werkstätten der Raphael Gesellschaft eingesetzt, Scarleth im Raphaelsheim und Leticia im katholischen Kindergarten St. Gerhard.
Generaloberin Schwester Maria Thoma Dikow erklärte: „Es ist schön zu sehen, dass Menschen Solidarität üben wollen und nicht zuerst nach einem Einkommen oder ihrer Karriere fragen. Das ist in dieser kriegerischen Welt ein wichtiger Friedensdienst.“ Auch der Glaube sei eine starke Motivation, sich für die Würde aller einzusetzen. Der habe die Freiwilligen ermutigt. „Ihr steht dafür, dass wir alle anders sein dürfen und uns doch so viel miteinander verbindet. In dieser Hinsicht können wir alle von Euch lernen.“
Drei fantasievolle Präsentationen

In kurzen und kreativen Präsentationen blickten die drei Freiwilligendienst-Leistenden auf das Jahr zurück. Leticia Thais Fernandes dankte zuerst ihrem Team im Kindergarten: „Die Kolleginnen haben mich sehr gut aufgenommen und begleitet. Und sie haben mich zusammen mit den Kindern in einer kleinen Feier verabschiedet. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.“
Sie zeigte Bilder von ihrem Arbeitsalltag, aber auch von Ausflügen zum Erfurter Landtag oder in das Konzentrationslager Buchenwald. Viel von der deutschen Kultur und Geschichte zu lernen, fand sie auch bei dem politischen Bildungsseminar und den Seminaren der Initiative von Christen für Europa (ICE) in Dresden sehr spannend. Und natürlich durfte das Foto nicht fehlen, wo sie auf der weißen Wiese liegend einen Schnee-Engel formt: „Denn in Deutschland habe ich meinen ersten Schnee erlebt.“

Scarleth Limon Moscóso ließ zahlreiche Momente und Szenen in einem selbst zusammengeschnittenen Video Revue passieren. Sie erklärte, dass sie während der ersten Wochen ihres Einsatzes – noch in der katholischen Bergschule St. Elisabeth und im Bergkindergarten St. Elisabeth – erst einmal lernen musste, geduldig zu sein: geduldig mit dem Spracherwerb und geduldig mit dem Eintauchen in die neue Kultur. Schon dort habe man sich liebevoll um sie gekümmert. So kam sie im vergangenen Sommer gut vorbereitet in das Raphaelsheim, eine Einrichtung für psychisch, körperlich und kognitiv eingeschränkte Menschen. Denn dort spielten Empathie und Geduld eine ganz große Rolle.

Und auch María Grace Soto Arce brachte in ihrer Präsentation ganz viel Dankbarkeit zum Ausdruck: „Ich habe so viele Menschen kennengelernt. Und ich danke ihnen, weil sie unser Jahr so besonders gemacht haben: Ich liebe Euch.“
„Das hat von Anfang an gepasst“

Die Einrichtungen gaben diesen Dank schon eine Woche vorher bei den Abschlussreflexionen zurück. So sagte Andrea Künne, Anleiterin von Scarleth im Raphaelsheim: „Unsere Bewohnerinnen und Bewohner haben sie sehr gemocht, vor allem aufgrund ihrer Empathie und Zugewandtheit. Das hat von Anfang an gepasst.“ So habe sie das ganze Team bereichert: „Es war einfach eine Win-Win-Situation. Scarleth hat uns geholfen, mit den Rollstuhlfahrern manche Unternehmungen zu stemmen, die wir sonst vielleicht nicht hätten durchführen können.“
Ähnlich begeistert äußert sich Gruppenleiterin Janett Laurent aus dem St. Gerhard-Kindergarten über Leticia: „Die Kinder waren ganz begeistert von ihr. Auch, weil sie eine sehr besonnene und ruhige Art hat, mit ihnen umzugehen. Sie war eine Bereicherung. Es hat einfach Spaß gemacht.“

Und sehr angetan urteilt auch Anleiterin Susann Ständer über María Grace: „Hier in den Werkstätten zu arbeiten, ist schon herausfordernd. Aber sie hat sich vor nichts gesträubt: Sie hat Menschen gewachsen, ihnen Essen angereicht und sie zur Toilette begleitet. Das hat uns beeindruckt.“
„Echte Beziehungen gewachsen“
Schwester Theresita Maria Müller, die pädagogische Begleiterin der Freiwilligen, dankte den Einrichtungen, dass sie die drei „Mitlebenden auf Zeit“ so gut begleitet haben: „Ohne Sie, die ihnen diese Einsatzstellen anbieten, könnten wir das Programm nicht durchführen.“ Und Schwester Maria Thoma deutete die Anwesenheit so vieler Gäste aus den drei Einrichtungen auch als Zeichen dafür, „dass echte Beziehungen gewachsen sind.“ Diese Bindungen machten den internationalen Freiwilligendienst zu einem Erfolg. María Grace, Scarleth und Leticia wünschte sie, dass sie ihre Erfahrungen mit in ihr weiteres Leben nehmen.

María Grace Soto Arce wird noch ein halbes Jahr in Deutschland bleiben, indem sie ihren Freiwilligendienst bei einem anderen Träger in Stuttgart verlängert. Scarleth Limon Moscoso hat einen einjährigen Anschlussvertrag als Au Pair in Deutschland. Und Leticia Thais Fernandes fliegt am heutigen Dienstag wieder in ihre brasilianische Heimat: „Aber auch ich werde bestimmt noch einmal nach Europa kommen.“
Zertifikate übergeben

Die Feierstunde endete schließlich mit der Überreichung der Zertifikate, die den dreien einen erfolgreichen Freiwilligendienst bescheinigen. Diese Aufgabe übernahm Ulrich Bock als operativer Leiter der Missionszentrale der Ordensgemeinschaft.
Und dann beginnt alles von vorn. Denn bereits am kommenden Wochenende kommen wieder zwei Brasilianerinnen für ein Jahr nach Deutschland. Sie werden in den Eichsfelder Werkstätten und im Bergkindergarten St. Elisabeth eingesetzt.






