Mitleben, Mitbeten, Mitarbeiten

Überwältigt von der Offenheit der Menschen

Die erste Klasse mit Lehrerin Synthia behandelt den menschlichen Körper - in eine selbst erstellte Schablone werden Knochen und Organe aus verschiedenen Materialien aufgeklebt. Hier sind zwei MaZ bis Ende Juni im Einsatz. Foto: Florian Kopp / SMMP
Die erste Klasse mit Lehrerin Synthia behandelt den menschlichen Körper – in eine selbst erstellte Schablone werden Knochen und Organe aus verschiedenen Materialien aufgeklebt. Hier sind zwei MaZ bis Ende Juni im Einsatz. Foto: Florian Kopp / SMMP

Die „Mitlebenden auf Zeit“ in Brasilien, Bolivien und Rumänien berichten über ihre Erfahrungen

Als Schwester Aurora Tenfen die Freiwilligendienst-Leistende Finya Kuhl im September 2025 persönlich am Flughafen von São Paulo in Empfang nahm und mit ihr nach Leme fuhr, war die 18-Jährige noch überwältigt von allem, was sie in diesen Momenten erlebte. „Ich konnte es noch nicht glauben, nun wirklich dieses Abenteuer anzutreten, während ich gleichzeitig versuchte, mein Gefühlschaos zu verstehen.“ In Leme leistete Finya einen internationalen Freiwilligendienst mit den Schwestern der heiligen Maria Magdalena Postel. Und mittlerweile durfte sie dort im Pädagogischen Zentrum Sagrada Familia – wie die anderen von der Ordensgemeinschaft entsandten Freiwilligen in Brasilien, Bolivien und Rumänien auch – viele wertvolle Erfahrungen sammeln.

Tobias Lafner etwa ein Dreivierteljahr in dem Montessori-Kindergarten Casa de Niños in Cochabamba/Bolivien: „Besonders erfüllend empfand ich, dass ich eine sinnvolle Aufgabe übernehmen durfte und die Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung und Entfaltung begleiten, unterstützen und stärken konnte.“ In diesen Tagen kehrt der 20-Jährige bereits nach Deutschland zurück.

Zugleich fiel Tobias in Südamerika durch die räumliche und zeitlich ausgedehnte Distanz von zu Hause noch etwas anderes auf: „Im Verlauf der ersten Monate ist mir deutlich geworden, welche Bedeutung Familie, Zuhause und Freundschaften für mich persönlich haben. Vor dem Freiwilligendienst (…) war mir gar nicht so bewusst, wie wichtig mir diese Faktoren und diese Mitmenschen sind. Die Entfernung hat meinen Blick dafür geschärft und mir gezeigt, wie sehr mich diese Beziehungen tragen.“

Mitleben auf Zeit

Leonhard Braun mit Sr.  Schwester Maria Cornelia Koch in der Casa de ninos. Foto: privat
Leonhard Braun mit Sr. Schwester Maria Cornelia Koch in der Casa de ninos. Foto: privat

Die sechs Freiwilligen verbrachten und verbringen ihren Einsatz als „Mitlebende auf Zeit“ – kurz MaZ. Der Name des Programms betont bereits, dass es dabei nicht nur ums Mitarbeiten, sondern auch ums Mitleben geht. Die Freiwilligendienst-Leistenden sollen mindestens neun Monate unter den einheimischen Menschen sein, um deren Kultur und Perspektiven verstehen zu lernen.

So wohnten Tobias Lafner und Leonhard Braun, die beide in der Casa de Niños in Cochabamba arbeiteten, gemeinsam in dem Haus des emigrierten Deutschen Michael Rother. Finya und ihre beiden Mitfreiwilligen im brasilianischen Leme, Lucie Krengel und Helena Kürschner, lebten im Gästebereich des Klosters mit den portugiesisch sprechenden Ordensschwestern. Das brachte auch so manche Herausforderung mit sich. „Aber meine Fortschritte mit der Sprache halfen zunehmend bei der Kommunikation“, schreibt Finya, die ihren Einsatz ebenfalls in dieser Woche beendet.

Eine besondere Hilfe waren den Freiwilligen in Brasilien zwei Lehrer-Familien: „Oft verbrachten wir ihre Freizeit mit ihnen. Sie haben uns sofort herzlich aufgenommen. Sie nehmen uns auch oft zu Geburtstagen und Festen mit oder laden uns zu sich zum Essen ein“, berichtet Lucie, die noch in Leme ist. Sie hält fest: „Ich war am Anfang – und bin es auch teilweise immer noch – überwältigt von der Offenheit und Freundlichkeit, die die Menschen uns gegenüber zeigen.

Herausforderung Sprache

Die einheimische Sprache zu lernen – egal ob Portugiesisch, Spanisch oder Rumänisch – ist dabei für alle eine große Herausforderung. Leonhard Braun schreibt aus Cochabamba: Trotz der technischen Hilfen, die es inzwischen gebe, „ist es etwas Wunderschönes, eine Sprache selbst zu lernen. Auch wenn es oft frustrierend ist – die kleinen Erfolge im Alltag, zum Beispiel wenn man den Kassierer oder ein Kind im Kindergarten versteht, sind unglaublich belohnend.“

Dominik Zumsande verbringt seinen Freiwilligeneinsatz bis August in Rumänien. Er schildert in seinen Berichten, wie ihm die zunehmende Sprachkompetenz hilft, Zusammenhänge immer besser zu verstehen: „Für mich ist es sehr spannend, das Heimleben näher kennenzulernen. (…) Ganz zu Beginn war ich vor allem von der Freundlichkeit und Offenheit der Menschen beeindruckt, die dazu geführt hat, dass ich mich hier von Anfang an wohl gefühlt habe. Mit der Zeit und besserem Verständnis der Sprache habe ich aber auch immer mehr die Probleme vor allem der Kinder wahrgenommen. Untereinander gibt es zwischen den Kindern regelmäßig Spannungen. Auch mit den Erziehern gibt es häufiger Reibungen als es in einer ‚normalen Familie‘ der Fall ist.“ Mittlerweile hat sich sein Rumänisch so gut entwickelt, „dass ich jetzt meistens immerhin das meiste von dem verstehe, was gesagt wird.“

Mittagessen im Tageszentrum von Schineni. Foto: Dominik Zumsande
Mittagessen im Tageszentrum von Schineni. Foto: Dominik Zumsande

Tobias Lafner reflektiert seine Erfahrungen in Bolivien ähnlich: „Ich habe zunehmend den Eindruck gehabt, in der bolivianischen Kultur anzukommen.“ Die sprachliche Verständigung gelang mit der Zeit immer besser.

Und Lucie Krengel in Brasilien weiß: „Ich habe am Anfang sehr gemerkt, wie ich die Sprache unterschätzt habe. Gerade bei der zwischenmenschlichen Kommunikation hat es die Sprachbarriere sehr anstrengend gemacht, Gespräche zu führen und Missverständnisse zu vermeiden. Im Laufe der Zeit ist aber auch das immer besser geworden.“ Zusammen mit Finya und Helena nahm sie montags und dienstags an den Nachmittagen bei einer Lehrerin zusätzlichen Portugiesisch-Unterricht. Helena Kürschner hat aber erfahren: „Die meisten Fortschritte in Bezug auf die Sprache habe ich gemacht, indem ich einfach angefangen habe zu sprechen und mir keine Sorgen über Fehler zu machen.“

Erfüllende Tätigkeit

So erlebten alle MaZ ihren Einsatz nach inzwischen acht bis neun Monaten zunehmend als erfüllende Aufgabe. Lucie Krengel arbeitete mit Finya Kuhl unter anderem in einer Kleinkindergruppe für Jungen und Mädchen ab einem Alter von vier Monaten in dem pädagogischen Zentrum Sagrada Familia, direkt gegenüber des Klosters in Leme: „Als ich angefangen habe in dieser Gruppe zu arbeiten, war es teilweise schwierig für mich, die Bedürfnisse der Kinder richtig zu erkennen und dementsprechend auch zu handeln. (…) Aber nach einiger Zeit und auch immer mit Absprachen mit den Lehrerinnen, wurde es immer besser und ich habe mich immer wohler und sicherer im Umgang mit den Kindern gefühlt. Jetzt habe sie sich so gut eingelebt und sprachlich entwickelt, dass „ich den Kindern Dinge erklären oder korrigieren kann. Außerdem helfe ich der Lehrerin noch Aufgaben auszuschneiden, Blätter einzukleben oder Aufgaben der Kinder zu korrigieren.“

Luftaufnahme vom Stadtteil Alto da Glória in Leme. Man erkennt, wie sich die einfachen Häuschen eng aneinanderreihen. Foto: SMMP/Florian Kopp
Luftaufnahme vom Stadtteil Alto da Glória in Leme. Man erkennt, wie sich die einfachen Häuschen eng aneinanderreihen. Foto: SMMP/Florian Kopp

Finya erzählt: „Während sie anfangs gar nicht oder nur sehr vorsichtig auf uns zugekommen sind und man selbst noch sehr unsicher war, was man mit den Babys machen kann, war es nach einiger Zeit ganz anders. Die Babys haben Vertrauen zu uns aufgebaut, sind eigenständig auf uns zugekommen und wir wussten ohne langes Nachdenken, wie wir mit ihnen interagieren können.“ Dabei habe sie schon berührende Momente erlebt. Etwa, wenn ein Kind in der Mittagsruhe auf ihrem Schoß einschläft: „Ich freute mich unheimlich über diese Momente, da mir die Babys dadurch das Gefühl gaben, dass sie sich bei mir wohlfühlten und mir vertrauten.“ Oder als ein einjähriges Kleinkind seine ersten Schritte machte: „Für mich war es ein derartig berührender und wertvoller Moment, einen solchen Meilenstein im Leben eines Babys miterleben zu können.“ Auch in den Gruppen mit älteren Kindern erlebten Finya und Lucie viele schöne Momente.

Dominik Zumsande ist in Rumänien besonders dankbar für die Erfahrung, Familienbesuche begleitet zu haben: „Das fand ich sehr beeindruckend, da ich da zum ersten Mal wirklich arme Dörfer und Menschen besucht habe. Die Familien leben in sehr abgelegenen ländlichen Dörfern östlich von Bacău. Von außen sahen die Häuser sehr heruntergekommen aus, dennoch waren die Menschen hier ebenfalls sehr freundlich und offen.“

Ganz besondere Begegnungen erlebte er erst kürzlich im Mai: „Schwester Carmen Tereza hat mir angeboten, sie auf ihrem Hilfstransport in die Ukraine in die Stadt Czernowitz, zu begleiten.“ In einem Bulli, randvoll gepackt mit Lebensmitteln, ging es früh morgens los. Ein Großteil dieser Spenden ging an die Bedürftigenküche in Czernowitz, die Schwester Carmen Tereza seit vier Jahren unterstützt. Hier werden täglich etwa 400 warme Mahlzeiten ausgegeben. Die Empfänger sind vor allem Inlandsflüchtlinge. Zusätzlich werden 200 Mahlzeiten für das Militärkrankenhaus gekocht.

Im September 2025 sandten Sr. Maria Thoma Dikow (l.)und die pädagogische Leiterin Birgit Bagaric (3.v.r.) die "Mitlebenden auf Zeit" aus: Dominik Zumsande, Tobias Lafner, Leonhard Braun, Lucie Krengel, Finya Kuhl, Joanne Maurer und Helena Kürschner (v.l.). Foto: SMMP/Ulrich Bock
Im September 2025 sandten Sr. Maria Thoma Dikow (l.)und die pädagogische Leiterin Birgit Bagaric (3.v.r.) die „Mitlebenden auf Zeit“ aus: Dominik Zumsande, Tobias Lafner, Leonhard Braun, Lucie Krengel, Finya Kuhl, Joanne Maurer und Helena Kürschner (v.l.). Foto: SMMP/Ulrich Bock

Dominik berichtet: „Wir haben uns viel mit den Angestellten und den Patienten unterhalten. Ihre Geschichten haben mich sehr beeindruckt. Viele Patienten haben in dem Krieg gegen Russland gekämpft, einige sind aber auch schon seit dem Krieg um die Krim oder noch länger in Behandlung.“

Kulturelle Differenzen

Und an ihren Einsatzstellen fallen den Freiwilligendienst-Leistenden natürlich die kulturellen Unterschiede auf. So sieht Tobias Lafner die erfüllende Arbeit in der Casa de Niños in Bolivien durchaus auch kritisch: „Ich habe den Eindruck gewonnen, dass von den Kindern – trotz ihres jungen Alters – bereits sehr viel erwartet wird. Ich nehme im Alltag wahr, dass diese Erwartungshaltung gesellschaftlich gewachsen ist. Es scheint, als würden die Eltern viel und vor allem sichtbare Resultate von ihren Kindern erwarten. Diesem ‚Auftrag‘ versuchen die ‚profes‘ – also die Erzieherinnen – nachzukommen, übertragen dabei jedoch teilweise den Druck auf die Kinder.“ Diese Beobachtung deckt sich mit den Erfahrungen früherer Freiwilligendienst-Leistender. Und Schwester Maria Cornelia Koch, die den Kindergarten aufgebaut hat und bis heute als Geschäftsführerin leitet, entgegnet dann: „Die Schulen sind in Bolivien noch sehr autoritär geprägt. Darauf müssen die Kinder ebenso vorbereitet sein.“ So bewegt sich auch die Arbeit der Ordensgemeinschaft in diesen Ländern immer noch in einem kulturellen Spannungsfeld.

Zusammen mit Leonhard gab Tobias für die Fünf- bis Sechsjährigen Vorschulkinder in der Casa de Niños schon Englisch-Unterricht. Zudem sind sie an der Organisation des Sportunterrichts beteiligt. Tobias bereitete regelmäßig einen Parcours vor, den die Kinder bewältigen müssen: „Der Sportunterricht ist für die Kinder ein besonderes Highlight der Woche und entsprechend hoch ist ihr Bewegungsdrang und ihre Aufregung.“

Wichtig ist darüber hinaus die gesunde Ernährung. „Seit März dieses Jahres wird das Frühstück für alle Kinder von der Einrichtung gestellt. Möglich wurde dies durch Spendengelder, aus Deutschland, die gezielt für die Verpflegung der Kinder genutzt werden“, berichtet Tobias. Dabei habe die gemeinsame Mahlzeit auch pädagogische Ziele, die über das Lernen von Umgangsformen in der Gruppe und die Bewusstseinsbildung für Strukturen und Abläufe hinausgehen: „Wenn beispielsweise Äpfel angeboten werden, sollen die Kinder diese möglichst eigenständig mit einem Apfelschneider entkernen und in Spalten schneiden.“ Vor allem die jüngeren Kinder unterstützen die beiden Freiwilligendienst-Leistenden dabei. Tobias erklärt: „Ich halte es für pädagogisch sinnvoll, Kinder bereits im Kindergartenalter behutsam an den Umgang mit scharfen Gegenständen wie Scheren oder Messern heranzuführen. Ziel ist es, ihnen Sicherheit im Umgang zu vermitteln und diese Gegenstände als Werkzeuge zu verstehen, anstatt sie ausschließlich als gefährlich zu kennzeichnen.“

Leonhard Braun (l.) und Tobias Lafner (r.) bekamen im Februar auch Besuch von Generaloberin Sr. Maria Thoma Dikow. Sie war zur Visitation der Schwesternkonvente in Bolivien. Foto: SMMP/Sr. Theresia Lehmeier
Leonhard Braun (l.) und Tobias Lafner (r.) bekamen im Februar auch Besuch von Generaloberin Sr. Maria Thoma Dikow. Sie war zur Visitation der Schwesternkonvente in Bolivien. Foto: SMMP/Sr. Theresia Lehmeier

So bereitete ihm die Arbeit in der Einrichtung viel Freude: „Besonders bereichernd war es für mich, die individuelle Entwicklung der Kinder zu beobachten und zu begleiten – etwa beim Erlernen der Zahlen von eins bis zehn, bei ersten Fortschritten im Schreiben oder der Verbesserung ihrer Auffassungsgabe.“

Traditionelle Feste miterlebt

Die andere Kultur erfahren die Freiwilligendienst-Leistenden natürlich auch bei den großen Festen. So durfte Dominik in Rumänien bereits in der Weihnachtszeit den Leiter des Kinderheims und eine Hilfskraft der Schwestern nach Bârlad begleiten, um Weihnachtsgeschenke für die Dorfkinder abzuholen. Bârlad ist eine größere Stadt etwa 100 Kilometer von Bacău entfernt, wo eine andere deutsche Hilfsorganisation Geschenke für viele Einrichtungen in Ostrumänien hinterlegt hatte. Er war schon viel im Land unterwegs und resümiert: „Vor allem die Moldauregion, in der auch meine Einsatzstelle liegt, ist nach meinem Eindruck eine der ärmsten Regionen Rumäniens.“ Aber selbst in den wohlhabenderen Landesteilen gebe es „sehr große Unterschiede zwischen Arm und Reich. Eine wirkliche Mittelschicht scheint es nicht zu geben.“

Tobias hatte in Cochabamba schon der Allerheiligen-Tag fasziniert: „Traditionell werden an diesem Tag Tische bzw. Altäre kunstvoll gestaltet, mit Fotos der Verstorbenen sowie mit Gebäck, Süßigkeiten und Girlanden geschmückt. Die vorbereiteten Gaben werden später gemeinsam als Familie gegessen. Der Tradition zufolge kehren die Verstorbenen für das Festmahl symbolisch ins Diesseits zurück.“ Dieser Umgang mit dem Tod war für ihn etwas Neues und habe ihn sehr zum Nachdenken angeregt: „In Deutschland erlebe ich den Tod häufig als etwas Trauriges; oft wird er verdrängt oder als etwas grundsätzlich Negatives betrachtet. Hier hingegen wird der Tod stärker als Teil des Lebens verstanden – und die Menschen, die bereits gegangen sind, werden in Form eines Festes geehrt.“

Und Finya, Lucie und Helena durften das Karnevalsfest in Leme mitfeiern. „Für den Samstag hatte uns der Besitzer einer großen Sportanlage zu einer dort stattfindenden Feier eingeladen. Die Anlage war beeindruckend geschmückt und gegenüber dem Pool befand sich eine Bühne, auf der verschiedene Bands und Sambatänzerinnen auftraten“, berichtet Finya. In dieser Nacht sei viel brasilianische Karnevalsmusik zu hören gewesen: „Wir tanzten mit den Menschen an unserem Tisch“ erzählt die 18-Jährige, die an diesem Abend auch neue Bekanntschaften schloss. Aus ihrer Heimat in Halle an der Saale war ihr der Karneval bisher kaum bekannt. Die lauten Straßenumzüge in den Nachbarstädten von Leme ließ sie aber aus.

Verstörend, vielleicht sogar belastend, ist in Bolivien die politische Situation. „Man bekommt das zwar im Alltag nicht mit, aber politisch ändert sich viel. Seit Anfang November hat Bolivien wieder einen neuen Präsidenten. Dieser kündigte die Streichung von Subventionen bei Treibstoff und in vielen weiteren Bereichen, die für die Menschen hier im Land spürbar werden“, erzählt Leonhard. Seitdem gibt es immer wieder Straßenblockaden. Gerade in den vergangenen Wochen eskalierten die Proteste um die Hauptstadt La Paz – in Cochabamba ist die Lage Mitte Juni aber noch relativ ruhig, wenngleich sich die Lebensmittel bis zu 100 Prozent verteuert haben.

Dominik Zumsande hat auch die Weihnachtsfeier mit den Kindern in Rumänien miterlebt. Foto: Dominik Zumsande
Dominik Zumsande hat auch die Weihnachtsfeier mit den Kindern in Rumänien miterlebt. Foto: Dominik Zumsande

Aufgefallen sind Leonhard im Kindergarten die Folgen des zum Jahresanfang angehobenen Mindestlohns: „Der bedeutet, dass die Kosten für die Eltern gestiegen sind, und das auch nicht wenig. Was zur Folge hatte, dass es weniger Kinder im Kindergarten gibt. Eine Gruppe musste leider geschlossen werden und auch Erzieher mussten entlassen werden. Das traf auch meine Gruppe.“

Reflexion beim Zwischenseminar

Doch insgesamt beeindrucken die Erfahrungen mit der anderen Kultur. Tobias erklärt: „Ich finde die bolivianische Kultur zutiefst faszinierend. Das Land ist stark durch indigene Einflüsse geprägt, was sich zum Beispiel in Festen und Riten zeigt. Gleichzeitig scheint Kultur im Alltag sehr präsent zu sein – nicht nur als ‚Programm‘ oder ‚Event‘, sondern als etwas, das das Zusammenleben, das Gemeinschaftsgefühl und auch den Blick auf Identität prägt. Helena Kürschner fasst ihre Erfahrungen in Leme in Brasilien so zusammen: „Die Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen gefallen mir. Man fühlt sich hier sehr willkommen und gut aufgenommen.“ Und Lucie Krengel hat die vielen Alltagsmomente zu schätzen gelernt: „Die kleinen Gespräche an der Supermarktkasse oder die längeren Gespräche mit Menschen, die interessiert sind, und uns mit offenen Armen empfangen.“

Im März besuchten die fünf MaZ aus Brasilien und Bolivien gemeinsam das Zwischenseminar in Sucre, bei dem sich Freiwilligendienst-Leistenden verschiedener Organisationen trafen. Das half ihnen, all die Erfahrungen einzuordnen und sich auf die verbleibenden Monate zu fokussieren.

Lucie resümiert: „Die Gespräche mit den Mitfreiwilligen hatten mich total bereichert. Ich konnte ganz viel reflektieren, mir Neues vornehmen und in den Austausch mit Menschen kommen, die ähnliche Schwierigkeiten haben.“ So habe sie neue Motivation für ihre zweite Hälfte des Einsatzes geschöpft, der für sie Anfang Juli zu Ende geht. Und um das Zwischenseminar mit Dominik in Rumänien durchzuführen, reiste eine ehemalige Freiwillige im Mai extra zu ihm nach Schineni.

Dominik bleibt sogar noch bis August in Rumänien. Er vermutet, dass diese Phase die intensivste wird: „Ich merke, dass der Ort hier immer weniger fremd für mich ist und ich mich hier wohlfühle. Deshalb freue ich mich schon sehr auf diese letzten Wochen, die wahrscheinlich am meisten Spaß machen werden.“